Ingrid Klimke – beim schnellsten Galopp ihres Lebens

von Katharina Luz

Wir brechen zu unserer inzwischen 3. gemeinsamen Reise mit Ingrid Klimke auf. Ein bisschen aufgeregt bin ich immer, aber so langsam bekomme ich doch Routine.
Diesmal geht es wieder nach Südafrika, an die Wild Coast zu Julie-Anne – raue See, lange Strände und schnelle Pferde. Für mich ist es dort ebenfalls das erste Mal, ich bin also auch schon sehr gespannt, was uns dort erwartet!
Wir fliegen nach Johannesburg und von dort noch kurze 1,5 Stunden nach East London. Mit dem Transfer geht es weiter nach Kei Mouth direkt an die Küste. Und dort erwarten uns ersteinmal viele Wolken und Regen! Na toll, das ist ja fast wie letztes Jahr in Botswana!

Nach einer kurzen Begrüßung ziehen wir uns direkt um, verhaften ein paar Sandwiches, bekommen von Roz unserem Guide (noch wissen wir nicht, was hinter ihrer Fassade so alles schlummert) eine Sicherheitseinführung und schon gehts los zu den Pferden – eine bunte Mischung aus ehemaligen Rennpferden, Anglo-Arabern, Boerperden und Mischlingen. Julie-Anne kommt aus der „Distanzreiter-Szene“ und mag daher gerne viel Blut und ausdauernde Pferderassen, was, wie wir bald feststellen werden, für ihre Ritte ebenfalls wichtig ist.
Ich habe ein fototaugliches Pferd „bestellt“ und mich erwartet Reign, ein Boerperd, welcher bereits seit 10 Jahren in Julie-Annes Diensten steht und ich fühle mich sofort wohl auf ihm! Nachdem alle sitzen gehts auch schon los zu unserer ersten Station, dem „Trennerys“. Um dorthin zu kommen müssen wir bereits nach 15 Minuten unser erstes Abenteuer bewältigen – wir verladen die Pferde auf eine offene Fähre um den Fluss Kei zu überqueren! Natürlich sind wir Reiter deutlich mehr aufgeregt als die Pferde, schließlich machen sie das nicht zum ersten Mal. Komisches Gefühl ist das trotzdem… an der Wild Coast richtet sich alles nach Ebbe und Flut, das wird uns in dieser Woche schnell bewusst.

Nachdem alle sicher auf der anderen Seite angekommen sind, erstreckt sich auch schon der erste Strand vor uns, das Meer ist atemberaubend und direkt an der Wasserkante entlang zu galoppieren erst recht!
Die Pferde sind ganz schön gut drauf und marschieren frisch los – wir haben aber die strickte Anweisung Roz nicht zu überholen, was gar nicht so einfach ist, schließlich sind auch wir Reiter gut drauf und der Strand ist schon sehr verlockend!
Nach knapp 3 Stunden und den ersten erstaunten Ausrufen „Da sollen wir entlang reiten?“ kommen wir an unserer ersten Unterkunft an und sind sprachlos wie trittsicher unsere Vierbeiner über riesige und weniger riesige Felsblöcke klettern ohne dass man auch nur einen Moment das Gefühl hat, sie wüssten nicht was sie tun. Nachdem wir die Pferde versorgt und unsere Zimmer bezogen haben, dürfen wir am Abend ein gigantisches Fischbuffet genießen! Alles was der indische Ozean so hergibt kommt auf den Tisch!

Und er verwöhnt uns nicht nur kulinarisch – eine Woche lang ist dieses riesige Meer mit all seiner Wucht und seiner Kraft unser ständiger Begleiter. Wir sehen Wale und Delphine vom Pferderücken aus, machen Spaziergänge am Strand entlang, klettern über die Felsen bei Ebbe und müssen durchs Inland reiten bei Flut. Er schmeichelt unserem Auge und lässt uns innerhalb kürzester Zeit zur Ruhe kommen, er ist wild und laut mit hohen Wellen und bei Nacht wünsche ich mir einen Ausschaltknopf, damit ich besser schlafen kann. Und jeden Morgen erwartet uns ein perfekter Strand und Reitboden, die Spuren des vergangenen Tages haben Ebbe und Flut einfach weggewischt, als wäre nie etwas gewesen.
Überhaupt haben wir den Strand eigentlich immer für uns, kein Handtuch, kein Badegast und vorallem auch kein angeschwemmter Müll, dafür die herrlichsten Muscheln und Meeresschnecken die man sich vorstellen kann!

Am Sonntag starten wir zu unserem ersten Tagesritt – gemütlich um 9.30 Uhr, ganz ungewohnt für Afrika. Da wir nicht auf Safari sind, können wir den Tag entspannt angehen lassen. Wir erkunden das Hinterland, die ehemalige Transkei, das Land der Xhosa. Shuntar, unser Back-Up-Reiter, entstammt den Xhosa und er erklärt uns viel über seine Kultur und die Gepflogenheiten seines Stammes. Wir versuchen uns auch in seiner Sprache – sie ist nicht nur fremd, sie enthält auch 3 verschiedene Schnalzlaute, welche uns im wahrsten Sinne des Wortes fast die Zungen brechen. Das Hinterland ist geprägt von bunten, runden Häuschen, vielen Rindern mit ihren Kälbern, Ziegen, Hundewelpen und fröhlichen und freundlichen Menschen. Die Kinder bekommen sich vor Freude kaum ein, wenn wir an ihren Häusern vorbei reiten, sie jauchzen, quietschen und winken uns zu und sehen so glücklich und fröhlich aus, dass man selbst doch immer wieder erstaunt ist mit wie wenig Menschen glücklich sein können!
Unser Weg führt uns an einen Wasserfall, an welchem wir unsere Mittagspause verbringen. Pünktlich dafür reisst der Himmel auf und wir können sogar ein erfrischendes Bad im Pool des Wasserfalls nehmen!

Der Montag wartet mit allerekligstem Küstenwetter auf uns und wir ziehen alles an, was der Koffer so hergibt und früh raus müssen wir auch noch, damit wir – wie sich später herausstellt – ein wirklich kurzes Stück Strand mit Felsen durchqueren können, bevor die Flut zu hoch ist. Eine halbe Stunde später und wir hätten einen 2 Stunden Umweg reiten müssen!

Wir frühstücken am Strand unterwegs – wäre das Wetter nicht so schlecht, hätte es es wirklich Charme. Als Rainer vom Strand 3 Austern mitbringt, ist allerdings jegliches Wetter vergessen. Alle starren fasziniert auf Roz wie sie gekonnt die erste Auster öffnet – Rainer, Shuntar und Alex essen das doch tatsächlich mit Wonne!

Am Dienstag starten wir zu einem kürzeren, aber wohl steilen Ritt ins Hinterland. So ist es dann auch. Um zum nächsten Hotel zu gelangen, müssen wir im Hinterland ein Tal durchqueren. Bevor wir uns an den Abstieg wagen, werden nochmal alle Sättel überprüft, nachgegurtet und dann geht´s los. Es ist wirklich unglaublich steil und man kann sich fast nicht vorstellen, dass Pferde so etwas können, aber wir werden eines besseren belehrt. Auf einem schmalen, steinigen Pfad, welchen die Xhosa und ihre Rinder für die Wanderschaft nutzen, klettern wir mit unseren trittsicheren Pferdchen nach unten. Im Tal angekommen erwartet uns ein Meer von Wandelröschen und ein erfrischender Umtrunk für unsere Vierbeiner bevor es wieder, ebenso steil, bergauf geht. Oben angekommen müssen unsere Ponies zwar ordentlich pusten, aber hier wird mir zum ersten Mal bewusst wie fit Julie-Annes Pferde sind – es dauert keine 2 Minuten und alle Pferde sind wieder bei normaler Atmung!

Unser Hotel für die nächsten zwei Nächte ist der Knaller – der Ozean kommt gefühlt bis an die Bettkante und man kann von seiner eigenen kleinen Terrasse aus Wale in der Ferne beobachten!
Beim Abendessen bekommen wir einen ersten kleinen Einblick in Roz´ bisheriges Leben – und sofort kommt mir mein eigenes stupide, spießig und ganz schön langweilig vor…
Roz ist Engländerin und ist seit 4 Jahren bei Julie-Anne. An diesem Abend erfahren wir, dass sie nach ihrem Studium der Zoologie losgezogen ist um die Welt zu entdecken.
Sie hat bereits als Koch auf einer australischen Rinderfarm gearbeitet, als Cowgirl 17.000 Rinder von A nach B getrieben, bei diversen Hilfsprojekten mit Großkatzen (Gassi gehen mit beschlagnahmten Tigern etc.) und Affen (Auswilderungsprojekte für als Haustier gehaltene Affen) gearbeitet und ist in Kapstadt mit dem weißen Hai getaucht.
Abends beim Billard zieht sie dann mal noch schnell die Männer übern Tisch, dass die erstmal ein Bier zum Trost brauchen.

Der nächste Morgen startet mit den Daily News – das Kobb Inn schreibt täglich eine kleine „Zeitung“ über ihre Gäste. So wissen also alle, dass eine Olympiasiegerin hier Urlaub macht und das Fred (wer auch immer Fred ist) keinen Fisch gefangen hat 😀

Nach einer kleinen Shopping-Exkursion bei den einheimischen Xhosa-Frauen, starten wir zu einem unbeschreiblichen Tagesritt – das Wetter ist super – blauer Himmel, eine leichte Brise am Meer, im Hinterland herrlich warm. Wir reiten immer an der Küste entlang und überall treffen wir auf die so hübschen Kühe mit ihren Kälbern.
Ziel des Rittes ist eine wunderschöne Bucht mit vielen Sanddünen und seichtem bis tiefem Wasser. Da es wirklich herrlich warm ist, werfen wir uns in unsere Badeklamotten und gehen eine Runde schwimmen. Als Roz sagt, wir können auch gerne unsere Pferde mit zum schwimmen nehmen, lasse ich mir das nicht zweimal sagen – ich bin noch nie mit Pferd geschwommen!
Nachdem Reign und ich das ohne Zwischenfälle überlebt haben und die Frage „Wie kommt man im Bikini und ohne Sattel möglichst elegant aufs Pferd?“ geklärt ist, gönnen sich auch die anderen einen kleinen Pferde-Bade-Spass.
Im Laufe des Abends (und nach einer weiteren Billardniederlage der Herren) erfahren wir von Shuntar so einiges über seine Kultur und die Gepflogenheiten der Xhosa. Sehr spannend, aber doch komplett anders als wir es aus unserer emanzipierten, westlichen Welt kennen.

Gestern haben wir das entfernteste Ziel unseres Rittes erreicht, d.h. heute geht es wieder Richtung Kei Mouth – was die Pferde auch spüren, sie sind fit wie ein Turnschuh und auch mein kleiner Reign ist ganz schön frisch beim Aufgalopp am Strand.

Aber ein Ereignis fehlt noch und wir fiebern bei jedem Strand darauf hin und fragen uns, ob das nun der Strand der Strände ist….der Strand an dem wir ein Wettrennen machen dürfen!
Kurz vor unserem nächsten Hotel ist es dann soweit, Roz gibt uns eine Einweisung – wir galoppieren in normalem Tempo (welches hier etwa bei 22 km/h liegt) bis zur Hälfte des Strandes und wenn sie das OK gibt, dann geht´s los. Selbstverständlich darf dann auch überholt werden, wobei Roz überzeugt davon ist, dass sowieso keiner schneller ist als ihre kleine Araberstute.
Ich vereinbare mit Ingrid, dass wir nebeneinander bleiben, damit ich Bilder machen kann. Das klappt nicht wirklich, denn als Roz das Rennen eröffnet, habe ich etwa 3 Sekunden Zeit Bilder von der Seite zu machen und dann sind Ingrid und ihr Angloaraber weg. Mein kleines Boerperd gibt alles und er ist auch echt schnell, aber gegen die Vollblüter hat er keine Chance. Wie Geparden fliegen sie den Strand entlang, Anne und Andreas sind auf ihren ehemaligen Rennpferden an der Spitze des Feldes – bis Shuntar mit Tango von hinten angesaust kommt und als erster über die „Ziellinie“ braust! Damit ist auch seine Billardniederlage gegen Roz vergessen.
Roz GPS zeigt 56 km/h und sie war nicht die schnellste, d.h. Andreas, Anne und Ingrid lagen etwa bei 60 km/h!!! Ingrid ist sich ganz sicher, so schnell ist sie noch nie galoppiert! Und wieder einmal durften wir etwas erleben, wovon wir noch lange sprechen werden!

Unsere nächste Unterkunft, das Wavecrest, ist ebenfalls ein echtes Highlight – idyllisch an einer Bucht gelegen mit Blick auf den Ozean und in die Mangrovenwälder. Nachdem wir unsere Pferde versorgt und auf eine riesige Koppel entlassen haben, nutzen wir den Nachmittag zum aktiven Nichtstun – die einen gehen zur Massage, die anderen chillen im Whirlpool und die ganz Aktiven machen einen Ausflug mit dem Kajak in die Mangrovenwälder mit anschließendem Dünenspaziergang… Sind Sie schon mal mit einem Kajak gegen ansteigende Flut angepaddelt? Sollten Sie jemals auf die Idee kommen, tun Sie es nicht, gehen Sie lieber in den Whirlpool!

Leider sind wir nur für eine Nacht an diesem wunderschönen Ort, nach dem Frühstück reiten wir Richtung Heimat, immer am Strand entlang, ich genieße jeden Augenblick – für mich wird unser Ritt heute schon zu Ende sein.
Wir durchqueren nochmal einen Fluß der echt tief ist, aber es macht einfach soviel Spass mit all dem Wasser zu reiten, die endlosen Strände zu erleben und das alles auf Julie-Annes so super trainierten Pferden!
Zum Abschluss des heutigen Rittes heißt es nochmal klettern und dann sind wir auch schon an der Fähre. Dieses Mal ist der Stand des Wassers so, dass wir alle 13 Pferde auf einen Rutsch mit drauf nehmen können – das Schild auf dem max. 34 Personen steht, ignorieren wir einfach mal… Das ist Afrika!
Nachdem wir unsere Pferdchen auf ihre ultra mega große Hauskoppel entlassen haben, fahren wir zu unserer Unterkunft für die letzten zwei Nächte (wir haben eine Zusatznacht drangehängt).

Am Samstag gehen wir getrennte Wege – während die Truppe mit Roz zur Steilküste reitet, habe ich mich schon von meinem kleinen Reign verabschiedet und fahre mit Julie-Anne nach Miarestate, einem privaten Wildreservat mit 5* Boutique Hotel, direkt am indischen Ozean.
Neben dem Wild Coast Trail bietet Julie-Anne noch einen weiteren Ritt „Surf&Turf“ an. 4 Nächte Wanderritt am Meer (je 2 Übernachtungen im Trennerys und Wavecrest) und 3 Nächte im Miarestate.
Das Reservat beherbergt eine Menge an Tieren – Zebras, Antilopen, Giraffen, Gnus etc. während der 3 Tage wird hier geritten, das Wild ist an die Pferde gewöhnt, so dass man ein unvergessliches und auch ungefährliches Safarierlebnis im Sattel genießen kann!
Das Boutique Hotel lässt keine Wünsche offen – erst in 2012 gebaut, ist es fast neu, sehr geschmackvoll eingerichtet, hervorragendes Essen, ein schöner Pool und ein großer Spa-Bereich. Außerdem ein privater Strandabschnitt am Ozean!
Dieser Ritt ist nicht nur ein absoluter Insider-Tipp für Afrikabeginner, sondern auch für solche die bereits viele Wildtiere vom Pferd aus erleben durften – geniale Strandritte in Verbindung mit 3 Nächten super Verwöhnprogramm!! Alle Infos zum Surf&Turf-Ritt gibts hier.

Leider ist das Wetter heute nicht so toll und unsere Reiter haben etwas schlechte Sicht auf den Klippen, was aber der guten Stimmung keinen Abbruch tut. Wir treffen uns zum Lunch in einem total abgefahrenen Café – es gibt soviel zu entdecken und zu schauen, dass ich die Wartezeit ohne Mühe überbrücken kann (selbst die Toilette ist ein Hingucker!).
Der Abend wird fröhlich und auch etwas melancholisch, wieder einmal ist eine gemeinsame Reise zu Ende, wieder einmal habe ich neue Freunde hinzugewonnen und wieder einmal durften wir großartige Pferde reiten!
Jeder unserer bisher erlebten Ritte war anders, aber in einem sind alle gleich – die Pferde sind Partner und Freund und werden optimal für ihre Aufgaben vorbereitet und umsorgt. Mein kleiner Reign passt leider nicht mehr in meinen Koffer, aber beim Anblick der riesigen Koppel auf der er mit seinen Kumpels wohnt, könnte ich ihm auch nicht annähernd dieselbe Freiheit bieten hier in Deutschland. „Unsere“ Pferde haben in der letzten Woche 200km zurückgelegt und bekommen jetzt erstmal eine Woche Koppelurlaub und werden dann wieder locker antrainiert um in 2-3 Wochen den nächsten Ritt zu machen – ist das nicht ein geniales Leben?

Am nächsten Morgen breche ich früh auf, denn meine Reise ist hier noch nicht zu Ende, es wartet eine weitere Woche Abenteuer im Sattel in Südafrika auf mich! Wo es mich hin verschlägt und was ich dort erlebt habe, können Sie hier nachlesen!

Alle Informationen zum Wild Coast Trail

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